"Ich steige aus dem versifften Zug. 20 Minuten sind eindeutig zu viel in der menschenverseuchten Atmosphäre der Deutschen Bahn. Erstens, weil um diese Uhrzeit entweder besoffene Penner auf den Sitzen verotten oder sich knutschende Pärchen verhalten als wären sie in einem Edelbordell. Warum habe ich das Gefühl, dass es Leuten Spaß macht, zu stinken? Als würden sie sich drei Tage in eine Wanne legen und nichts tun als in ihrem Saft aus Schweiß, Pisse, Fett und Tränen baden um sich dann in die Öffentlichkeit zu trauen."
Ich habe heute beim Stadttheater angerufen, bald habe ich ein Vorsingen für den Extrachor. Vielleicht wird das ja doch was mit der aufstrebenden Gesangskarriere. Jetzt informiere ich mich über mögliche Studentenjobs. Vielleicht nehm ich ja doch das Stellenangebot an und werde Masseurin für erotische Massagen.
"Ich genieße die kühle Luft und schlendere über den leeren Bahnsteig. In der Raucherecke stehen zwei vorzeitig gealterte Diskoschlampen, schon halb betrunken, und telefonieren lauthals mit einer offensichtlichen Freundin. Während ich an ihnen vorbei gehe sehe ich das sorgfältig aufgetragene Makeup langsam abblättern wie der Putz einer alten Fassade und der Maskara verschmiert unter ihren Augen, so dass sie wie ein großer, trauriger Panda in ihrem Glitzeroberteil aussieht. Ich gehe vorbei."
Am Montag kommt Béla vorbei bevor er sich auch aufmacht und nach Frankfurt zieht. Schon komisch, ich hatte ihn so vergöttert, dass ich mehr ein Idela gesehen hab als den realen Menschen. Ich bin froh, jetzt so reif geworden zu sein, dass ich ihm offen gegenübertreten kann. Zeiten ändern sich, genauso wie Menschen. Aber manchmal macht mir gerade Das Angst.
"Als ich am Marktplatz ankomme sehe ich auf mein Handy. Immer noch keine Nachricht. Ich werde wütend, schließlich hat er sich schon wieder so lange nicht gemeldet, vielleicht ist er von einem Bus überfahren worden, das wäre mir jetzt am liebsten. Schnell verwerfe ich den gedanken und beschließe, dass ich sauer bin und ihm das jetzt auch sage. Ich tippe bitterböse Vorwürfe ins Handy, doch bevor ich die SMS fertig geschrieben habe drücke ich auf 'Nachricht verwerfen'. Inkonsequenz ist ne Hure."
Am Sonntag sind Wahlen, und wie immer hasse ich, dass ich das Ergebnis schon vorhersehen kann. Anstatt, dass sich hier ein paar Dinge ändern wird die Abwarten-und-Tee-trinken-Taktik beibehalten. Und wieder wird es eine hälfte geben, die das festgefahrene Nichtstun rechtfertigen, während sich die andere Hälfte beschwert. Ich bin mal gespannt, was die nächsten Jahre so bringen. Wohlstand? Wohl kaum, alles steht auf Weltuntergangsstimmung... Wirtschaftskrise, steigende Arbeitslosigkeit, Kampf um Atomenergie(r), und und und... man spielt auf Zeit.
"Ich entscheide mich für den langen Weg nach Hause. Unterwegs pfeift mir ein Türke hinterher, ich gehe weiter. Sollen sie pfeifen, Hauptsache, sie lassen mich in Ruhe. Ich lasse mich von den strahlenden Lichtern der Clubs, Bars und Kneipchen leiten und lausche dabei der Musik meiner Stadt. Ich höre Pöbler die sich wichtig vorkommen, Tussen, die sich über die Haare der Freundin lustig machen, die gerade auf der Toilette ist. Ich höre Hundegebell, einen Krankenwagen der in der Ferne zu einem Unfall eilt, das Zersplittern von Bierflaschen und das Beständige pochen von Füßen auf langsam zerfallendem Pflasterstein.
Ich schließe die Tür meiner Wohnung auf und lass mich aufs Bett fallen. In den Händen habe ich immer noch mein Handy, es ist kurz nach halb eins. 'Keine neuen Nachrichten'. "Scheiß Telefon" knurre ich und werfe es auf mein Sofa. Meine Haare stinken nach Stadt, deswegen stehe ich nochmal auf und gehe ins Bad. Meine Schminke kommt runter, ich putze die Zähne mit einer Zahnpasta, deren Name mich an eine Weltraumrakete erinnert, kämme mir die Haare und bade mich in AloeVera-Deo. Ich gehe wieder zum Bett und lasse mich halbnackt darauf fallen, es ist mir zu spät, jetzt noch einen Schlafanzug anzuziehen, also schlafe ich in Unterwäsche. Ein letzer Blick in den Spiegel zeigt mir, wie müde ich bin. Nicht vom Tag, vom Leben allgemein. Sobald ich das Licht ausgemacht habe bin ich hellwach. Guten Morgen."
Ich hoffe ich komme dazu, diese Woche noch einen Eintrag zu machen, vielleicht am Samstag, mal sehen, oder nach den Wahlen. Jetzt werde ich mir mit meinem Bier noch einen schönen Abend machen und Two and a half Men übers Internet gucken. So Long, Bitches!
Zum guten Schluss ein kleiner Reim:
''Der Lied hat Gut geklingt,
Er wird nochmal gesingt!''
AcidPlacebo